Die deutschen Verteidiger der zurückliegenden DEL-Saison sind „abgehakt“ und es geht in kleinen Schritten weiter zur nächsten Kategorie: Den AL-Lizenzen in der Verteidigung. Also den Mitspielern, die nicht über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen und damit nur in begrenzter Zahl eingesetzt werden dürfen.
Der Besetzung mit internationalen Spielern in der Defense kommt in der Deutschen Eishockey Liga meiner Meinung nach eine besondere Bedeutung zu und den Grund sieht man bei der aktuellen Weltmeisterschaft: Der Pool an starken deutschen Verteidigern ist sehr begrenzt. Auch wenn sich jeder seinen Platz letztlich verdient hat, sind Spieler wie Marco Nowak (Düsseldorf), Benedikt Schopper (Straubing) oder Jonas Müller (Berlin) sicher nicht das Maß aller Dinge. Natürlich hängt das auch mit den Absagen oder Ausfällen von gestandenen Spielern wie Sinan Akdag (Mannheim) oder Konrad Abeltshauser (München) zusammen.
Aber es zeigt auch, dass sich kein Team einen rein deutschen Verteidiger-Kern leisten kann und somit am Wettbieten um die besten Spieler aus aller Welt teilnehmen muss.
Dabei mischte auch die DEG mit und konnte sich vor der Saison neben den bereits unter Vertrag stehenden Recken Kevin Marshall und Alexandre Picard vor allem den Königstransfer Ryan McKiernan sichern. Wie die drei und ihr zum Schluss noch dazugestoßener Teamkollege Nichlas Torp letztlich abgeschnitten haben, lest ihr nun.

#58 Ryan McKiernan
Starten möchte ich mit dem 29-jährigen Halb-Amerikaner und Halb-Iren Ryan McKiernan. Das Gerücht über die Verpflichtung des 182cm großen und 91kg schweren Rechtsschützen hielt sich vor der Spielzeit hartnäckig und ich hoffte jeden Tag, dass es sich bewahrheitete. Einen klassischen Offensiv-Verteidiger mit Scoring-Qualitäten hatten wir zuvor nicht gehabt, weil Bernhard Ebner mit 20 Punkten in 2017/2018 etwas hinter den Erwartungen zurückblieb.
Und McKiernan brachte dieses Gen auf jeden Fall mit. 2014 wagte er nach seiner Zeit in der kanadischen College-Liga USports den Schritt nach Europa und steigerte sich seither stetig: Von 22 Punkten in der zweitklassischen schwedischen Allvenskan über 25, 33 und 37 Zähler in der österreichischen Top-Liga EBEL, die sicher auf einem beinahe ähnlichem Niveau wie die DEL zu sehen ist.
Auch in Düsseldorf hörte er mit dem Scoring nicht auf, konnte insgesamt 37 Punkte in 58 Spielen in der regulären Saison und den Playoffs erzielen.
Er war ein unermüdlicher Arbeiter im fünf gegen fünf und auch im Powerplay, erwies sich als kreativer Dreh- und Angelpunkt vieler Offensiv-Situationen und wurde mit über 21 Minuten Eiszeit der Dauerbrenner unter den rotgelben Kufen-Cracks mit mehr als einer Minute Abstand vor dem Zweitplatzierten Alexandre Picard.
Dazu polarisierte er vor allem in den Playoffs, legte sich nach deren „Diver“-Vorwürfen mithilfe seiner Gestik mit den Augsburger Fans an und wurde so noch mehr zum Publikumsliebling, dessen Verbleib sich sicherlich fast alle DEG-Fans gewünscht hätten.
Letztlich muss er sich nur zwei kleine Vorwürfe oder Schwachstellen gefallen lassen: Zum Einen blieb er mit nur sechs geschossenen Toren hinter den Erwartungen zurück, so waren es bei den Vienna Capitals zum Schluss noch 17 an der Zahl und das sogar in weniger Spielen. Er versuchte es immer wieder, schoss nach John Henrion, Calle Ridderwall und Alexander Barta am viertmeisten und feuerte auch im Powerplay viel von der blauen Linie. Seine Schüsse gingen jedoch nur seltenst ins Netz, wurden eher von den Stürmern als Abpraller verwertet. Nur jeder 20. davon zappelte direkt im Netz.
Zum Zweiten sorgte immer wieder für Diskussionen, dass er zwar fleißig provozierte, aber nie selbst die Handschuhe fallen lassen wollte. Letztlich muss man hier aber sehen, dass er auch schon in Österreich kein Faustkämpfer war und man hier womöglich einfach zu hohe Erwartungen hatte.
Dass man ihn nicht halten konnte und er letztlich zum qualitativ nicht wirklich über den Düsseldorfern stehenden Konkurrenten Eisbären Berlin wechselte, ist durchaus ärgerlich. Er hätte ein Teil des neuen Kerns werden können, wollte aber gerüchteweise einfach ein zu hohes Gehalt. Welches die Anschutz Entertainment Group in die Hand nehmen wollte, die Hoberg-Brüder und Co. allerdings nicht.
Fest steht, dass man ihn in der rheinischen Landeshauptstadt vermissen wird, wie auch die Wiener Fans ihn vermissten, die ihm im ISS Dome einen Besuch abstatteten und dabei sogar ein Plakat und viele gut geölte Stimmen für „Ryan“-Anfeuerungsrufe mitgebracht hatten.
Wenn wir dem sympathischen Verteidiger ab September wieder begegnen, dann hoffe ich, dass wir uns nicht noch mehr über seinen Verlust ärgern müssen, als ohnehin schon.
#46 Kevin Marshall
Der Kanadier Kevin Marshall verstärkte uns seit Mitte der Saison 2017/2018 und sammelte zuvor Erfahrungen unter anderem in der zweitklassigen amerikanischen AHL sowie in der schwedischen Topliga SHL. Im Scoring – wie beispielsweise der zuvor beschriebene McKiernan – trat er dabei nicht allzu oft in Erscheinung, dafür häufiger bei den Strafminuten, von denen er über 1.000 in seiner Karriere sammelte.
Als man zum Sommer mit ihm verlängerte, hatte ich dazu noch keine allzu ausgeprägte Meinung. Der Spielstil des Kevin Marshall erschien mir etwas unergründlich. Ein Stay-at-home Verteidiger nur für die Defensive war er nicht, ein offensiver Spieltyp natürlich erst recht nicht. Auch physisch war er zumindest weniger aufgetreten, als man das vielleicht hätte erwarten können.
Warum ich in der Saison 2018/2019 dennoch nach und nach froh über seinen neuen Vertrag war: Er erledigte zumeist solide seinen Job. Mit wechselnden Defensivpartnern von Marco Nowak bis zu Ryan McKiernan gelang ihm der Spagat zwischen ruhigen und bedachten Defensivmomenten und einigen offensiven Akzenten, gepaart mit einigen schönen Checks und hier und da leider auch mal unnötigen Strafminuten.
Zudem gehörte er zu den fünf Dauerbrennern, die alle 52 Spiele bestritten, was der DEG in der teils durch Verletzungen gelöcherten Hintermannschaft sicher dabei half, einige Spiele schadlos zu überstehen. In den Zeiten hatte man außerdem den Eindruck, dass er noch stärker aufspielte, mehr im Vordergrund war, mehr Verantwortung übernahm. Lediglich die Schussquote von nur 3,3% trübt etwas das Bild. Natürlich wurde er nicht als Scorer geholt, aber ich hätte seinen Namen bei der Anzahl an Schussversuchen auch gern zwei- oder dreimal mehr nach geschossenen Toren gerufen.
Nach der Saison beendete der erst 30-jährige für mich vollkommen überraschend seine Karriere und widmet sich nun neuen Aufgaben. Dabei wünsche ich ihm viel Erfolg und alles Gute!
#45 Alexandre Picard
Kommen wir zu einem weiteren kanadischen Verteidiger, der in seine zweite Saison mit der Düsseldorfer EG ging.
Mit Erfahrungen aus über 250 NHL-Spielen brachte er eine Vergangenheit mit, die man in Düsseldorf nur selten sieht. Dazu kamen fast 200 AHL-Spiele und ein „Kampfgewicht“ von knapp 100kg. Die Rede ist von der Nummer 45, Alex Picard.
Während er zu seiner Zeit in Nordamerika noch hin und wieder für Punkte zuständig war, so verschrieb er sich seit seinem Wechsel nach Europa im Jahr 2012 ganz der Defensivarbeit. In insgesamt sieben Saisons für den HC Lev Praha (KHL), die Graz 99ers (EBEL), den ERC Ingolstadt (DEL), Gottéron (NLA) und die Düsseldorfer EG konnte er in über 250 Spielen nur acht Tore erzielen, durchschnittlich etwas mehr als eines pro Saison.
Fans und Verantwortliche der jeweiligen Clubs wird das kaum gestört haben, da Picard neben seiner respekteinflößenden Ausstrahlung auf dem Eis dafür ein wohl größeres Talent entwickelte: Seine Defensivarbeit, für die er oft gelobt wurde. Sehr ruhig und unaufgeregt spielend, führten seine Aktionen nur selten zu groben Fehlern, sodass er meist mit Patrick Köppchen in der Saison 2018/2019 die Reihe bildete, deren einzige Aufgabe die Verhinderung von Gegentreffern war. Dies tat er mit der zweitmeisten Eiszeit nach Ryan McKiernan und den meisten durchschnittlichen Shifts pro Spiel (25) der ganzen Mannschaft. Der ruhige und schwere Defender war also stetig gefordert.
Während das zu Beginn der Saison meist gut lief, gefiel mir Picard zum Ende hin nicht mehr ganz so gut. Dabei ist dies sicher nicht ihm allein anzulasten, sondern war es vielmehr so, dass die ganze Mannschaft nachließ und mit zunehmenden Niederlagen unsicherer und nervöser wurde.
Als die Gegner teilweise nur wenig gestört durch die Mittelzone in unser Drittel marschierten, hätte er meines Erachtens nach noch häufiger seinen Körper einsetzen müssen, um ein Zeichen zu setzen oder sich Respekt zu verschaffen und damit die Gegner etwas einzuschüchtern.
Auch wurde er in den zwei Jahren bei uns zum Ende hin noch träger und langsamer, als er es noch zu Beginn war. Sicher war dies auch ein Grund für sein Karriereende. Dieses hatte sich deutlich mehr abgezeichnet, als das von beispielsweise Kevin Marshall. Allerdings ist auch 33 noch kein Alter, in dem viele Schlittschuhe an den Nagel gehängt werden. Auch dem sympathischen und ruhigen Kanadier wünsche ich alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg und bedanke mich für zwei solide Jahre.
#38 Nichlas Torp
Die einzige Nachverpflichtung der Saison 2018/2019 war der schwedische Verteidiger Nichlas Torp. Er kam, als es aufgrund von Verletzungen in der Defensive langsam eng wurde und man sich für kommende Playoffs noch einmal verstärken wollte.
Der 30-jährige hat fast seine komplette Profikarriere in der vielgeschätzten SHL bei HV71 (2008-2011), Timrå (2011-2012), MODO (2012-2016), Leksands (2016-2017) und Malmö (2018/2019 bis zum Wechsel) verbracht. Die vielen Wechsel lösten zwar einen faden Beigeschmack aus, aber Stammspieler aus der SHL sollten normalerweise eine Verstärkung für jedes DEL-Team sein.
Da Torp seine einzigen Einätze außerhalb Schwedens für die Thomas Sabo Ice Tigers in Nürnberg bestritt, wandte ich mich für eine erste Einschätzung damals direkt an einen geschätzten Arbeitskollegen aus Nürnberg, der mir mitgab: „Ist ein solider, unauffälliger Defensivverteidiger. Zuverlässiger Arbeiter, macht seinen Job, niemand mit großem Scoring Touch, macht aber auch mal ein wichtiges Tor, wenn es sein muss. Macht wenig Fehler, nicht der Schnellste. Ich mochte ihn als Spieler, ich mag diesen unaufgeregten Spielertyp. Gute Verpflichtung!“
Leider konnte der 181cm große Defender diese Qualitäten bei uns nur selten unter Beweis stellen. Möglicherweise deshalb, weil er in ein bereits eingespieltes Team reingeworfen werden musste und nie den Anschluss fand. In neun Spielen der regulären Saison bekam er mit durchschnittlich 25 Shifts sehr viel vom Spielgeschehen mit, zeigte sich aber häufig wacklig, unsicher und reaktionsschwach, sodass einige gegnerische Konter ihn auf dem vollkommen falschen Fuß erwischten.
Zwar besserte sich vieles ab den letzten zwei oder drei Saisonspielen, allerdings reichte das nicht, um einen bleibenden (positiven) Eindruck zu hinterlassen, weshalb das Kapitel Nichlas Torp in Düsseldorf nach insgesamt 16 Partien und noch mehr Patzern schnell vergessen sein wird.
Bereits etwa die Hälfte der Spieler sind durch-analysiert und es macht für mich als Schreiber wirklich Spaß, die Saison noch einmal kleinteilig zu resümieren und möglicherweise einen anderen Blick auf diesen oder jenen Spieler zu erhalten.
Ich hoffe, auch euch als Lesern geht dies so und freue mich, wenn ihr mir und meinem Blog-Projekt erhalten bleibt.
In den nächsten Tagen und Wochen wird es noch mit drei weiteren Parts weitergehen, wenn ich für euch das rotgelbe Offensiv-Personal unter die Lupe nehme. Doch bis dahin…
Sportliche Grüße!
— Julian