NHL Playoff Analyse 2019 #3: Das Stanley Cup Finale!

Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Aber tatsächlich sind ganze 235 Tage seit dem Start der NHL-Saison 2018/2019 vergangen und nun ist es endlich so weit: Das Finale des Stanley Cups 2019 steht fest und Millionen Fans erwarten mit Spannung die Serie und letztlich Entscheidung darüber, wer sich den Titel holt. Wer bekommt am Ende den Stanley Cup überreich? Die St. Louis Blues aus dem Westen oder die Boston Bruins aus dem Osten?

In dieser Analyse möchte ich beide Mannschaften ganz genau unter die Lupe nehmen und dabei eine Art Gegenüberstellung der verschiedenen Spieler und Faktoren wagen. Danach bin ich und sind auch viele von euch sicher etwas schlauer, was Zahlen, Daten, Fakten und Hintergründe betrifft. Wer es letztlich wird, das prognostiziere ich dann ganz am Ende. Jedoch verhalten sich Eishockey-Playoffs ähnlich, wie es gerüchteweise der DFB-Pokal tut: Alles kann passieren.

Ich kann euch in jedem Fall absolut empfehlen, bei den Begegnungen mal live einzuschalten und diese Final-Atmosphäre zu genießen, die natürlich immer eine ganz besondere ist.
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Ich habe dieses mal auf den Tipp einiger Leser gehört, mich etwas kürzer zu fassen. Ich gehe hier zu häufig von mir aus, den ich lese mir auch ab und zu sehr gern seitenlange Analysen und Statistik-Sammlungen durch. Da viele von euch aber eher nebenbei oder zwischendurch über meine Texte lesen, werde ich die Länge des Beitrags dieses mal etwas begrenzen. Ob es mir gelingt, das kann ich zu diesem Zeitpunkt allerdings selbst noch nicht sagen.

Nach drei Playoff-Runden steht das Finale fest.
(Rechte liegen bei der NHL)

Die Offensive

Immer entscheidend über den Ausgang eines Spiels sind natürlich die geschossenen Tore und dafür verantwortlich meist die Top-Stürmer. Aufgrund dessen schaue ich mir heute zu Beginn die Offensive an.

St. Louis Blues: Das Team aus dem Bundesstaat Missouri setzt bislang auf zwei ausgeglichene erste Reihen. Dabei klappte die erste Formation bislang am Besten und das ist vor allem der Verdient von Jaden Schwartz. Nach nur elf Toren in der Hauptrunde (69 Spiele) konnte er in den Playoffs bislang schon 12-mal einnetzen (19 Spiele) und belegt damit in den Playoff-Statistiken Platz 2 hinter dem so wahnsinnig starken Logan Couture von den San Jose Sharks (14).
Der linke Flügelspieler bildet die auf dem Papier erste Reihe gemeinsam mit Brayden Schenn und Topstar Vladimir Tarasenko, seinem Pendant auf der rechten Seite.
Neben einer sehenswerten zweiten Reihe unter anderem aus Center Ryan O’Reilly und Winger David Perron, schaltet sich auch die so genannte „Bottom 6“ (also die unteren beiden Reihen) immer wieder ins Scoring ein. Hervorzuheben sind vor allem die jeweils anführen Center Tyler Bozak (10 Punkte) und Oskar Sunqvist (8 Punkte). Insgesamt sammelten die sechs Spieler des offensiven Unterbaus der Blues 40 Torbeteiligungen, das kann sich durchaus sehen lassen.

Boston Bruins: Die Trades zur Deadline haben sich für die Bruins durchaus ausgezahlt. Zwar ist die erste Reihe aus „Fan-Liebling“ Brad Marchand, Patrice Bergeron und David Pastrnak (insgesamt 46 Punkte in 17 Spielen) weiterhin das Maß aller Dinge, aber die Neuzugänge Charlie Coyle (kam von Minnesota) und Marcus Johansson (kam von New Jersey) haben sich so gut eingefügt, dass Boston eine unvergleichliche Tiefe in der Offensive vorweisen kann.
Die beiden genannten führten dabei die dritte Reihe an und die scored dank wahnsinnig starker Leistungen der beiden sogar besser, als die auf dem Papier zweite Formation rund um Center David Krejci.
Offensiv waren die Bruins aufgrund ihrer Topstars und der drei so überragenden Reihen über die gesamten Playoffs eins der absolut sehenswertesten Teams, schossen durchschnittlich 3,4 Tore pro Spiel und lagen damit nur hinter den längst ausgeschiedenen Vegas Golden Knights (3,6).

Fazit: Beide haben unter ihren zwölf Stürmern absolutes Top-Material und man wird sich beim Scoring wenig schenken. Ich sehe die Boston Bruins hier aber noch etwas weiter vorn. Aufgrund der Ausgeglichenheit wird es spannend zu sehen sein, welche Verteidiger der Blues gegen welche Reihen der Bruins antreten müssen und wie sie diese in Schach halten können.

Die Defensive

Hier kommt der uralte Spruch wieder zum Tragen: „Offense wins games, defense wins Championships“. Wird auch im Stanley Cup Finale die Defensive der entscheidende Faktor werden? Man darf gespannt sein.

St. Louis Blues: Bei den Blues stehen in den drei Defensivreihen Spieler mit einem Gesamtgehalt von knapp 26 Millionen Dollar, womit man ligaweit unter den fünf bis sechs Teams ist, die am meisten für ihre Verteidiger ausgeben.
Ich sage: Das Geld ist die Verteidigung in der aktuellen Form auch wert. Zwar zieht beispielsweise der 35-jährige Jay Bouwmeester (5.400.000$) das Preis-Leistungs-Verhältnis nach unten, doch dafür gehörten Kapitän Alex Pietrangelo und Colton Parayko nicht nur zu den stärksten rechtshändigen Verteidigern der Playoffs, sondern auch zu den besten insgesamt.
Ersterer war für 13, letzterer für elf Punkte verantwortlich, beide zeigten auch defensiv hervorragende Leistungen und sorgten dafür, dass beide Verteidigerpaare (ergänzt durch Edmundson und Bowmeester) nur wenig gegnerische Chancen zuließen.
Mit Vince Dunn kam außerdem nur ein einziger Spieler der wohl im ersten Spiel auftretenden Defensiv-Formation auf einen negativen +/- Wert. Und mit Robert Bortuzzo hat man einen siebten Verteidiger als „Helthy Scratch“ in der Hinterhand, der bei einem Formtief oder einer Verletzung reingeworfen werden kann.

Boston Bruins: Eine nahezu perfekte Mischung aus jung und erfahren bringt das Team aus New England mit.
Kapitän Zdeno Chara bringt als einziger Nicht-Amerikaner in der gesamten Verteidigung noch immer hervorragende Leistungen. Und das, obwohl man dem 42-jährigen sein Alter und die damit einhergehend sinkende Geschwindigkeit anmerkt. Mit +11 und 42 Hits führt er sein Team an, wirkt immer hellwach und bereit, alles zu geben. Der Stanley Cup Sieger von 2011 ist bereits seit 13 Jahren Kapitän der Bruins und will das Traditions-Franchise zum siebten Titel führen.
Unterstützung bekommt er dabei vor allem von seinem Nebenmann, dem erst halb so alten Charlie McAvoy. Er ist die Zukunft des Franchises, agiert defensiv und offensiv aber schon wie ein erfahrener NHL-Spieler.
Der heimliche Star für mich ist allerdings Torey Krug. Der 28-jährige flog in den letzten Jahren stetig etwas unter dem Rader, obwohl er vor allem offensiv ein unfassbar wichtiger Bestandteil der „Braunbären“ ist. Zwölf Scorerpunkte und die meiste Zeit im Powerplay unter den Verteidigern machten ihn in den bisherigen Playoffs zu einer Säule und fast ebenso wichtig, wie die absoluten Topstars.

Fazit: Hier entscheiden meines Erachtens nach Kleinigkeiten darüber, wer seinem Team mit der vielleicht besseren Tagesform mehr hilft, defensiv zu bestehen. Ich entscheide mich als hier für ein Unentschieden.

Die Torhüter

Sie sind der Fels in der Brandung, das letzte Hindernis für die gegnerischen Stürmer und das Zünglein an der Waage in so vielen Eishockeyspielen: Die Torhüter. Doch wer hat hier die Nase vorn?

St. Louis Blues: Es ist die Story der Saison nicht nur für die Blues, sondern vielleicht für die ganze Liga. Der 25-jährige Jordan Binnington erspielt sich durch starke Leistungen in der AHL erstmals einen richtigen und dauerhaften NHL-Platz, weil die „Notes“ starke Probleme auf der Torhüter-Position hatten. Er führt sie im Anschluss mit unter zwei Gegentoren pro Spiel vom Tabellenkeller noch in die Playoffs.
Nun überzeugte er auch dort: Zwar waren es in der Endrunde bislang 2,37 Gegentore pro Spiel und auch die Fangquote sank etwas, doch man sollte beachten, dass er inzwischen nur noch gegen die besten Teams der Liga spielte. Zuletzt unter anderem gegen die San Jose Sharks mit einer der stärksten Offensiven der Liga.
Die besondere Stärke von Binnington: Entscheidungsspiele. In allen drei so genannten „Series-clinching games“ der bisherigen Serien hütete er das Tor, kassierte nur 1,17 Gegentore pro Spiel bei einer Fangquote von fast 95%.
Das ist schierer Wahnsinn: Solch eine Nervenstärke bei so wenig Erfahrung. Aber: Kann er diese Leistungen gegen Brad Marchand und Co. halten?

Boston Bruins: Beim Stammtorhüter des Gegners aus dem Osten kann man keinesfalls von einem Rookie sprechen – das genaue Gegenteil ist der Fall.
Der 32-jährige Tukka Rask hat bereits etwa 500 NHL-Spiele absolviert, steht bereits das sechste mal mit den Bruins in den Playoffs und hält besser, als je zuvor. Nur 1,84 Tore gelangen seinen Gegnern durchschnittlich pro Spiel, über 94% der auf ihn abgefeuerten Schüsse hielt Rask.
Vor allem zuletzt gegen die Carolina Hurricanes war er in Form: Dass die Bruins das Team aus Raleigh mit einem Sweep eliminieren konnten, verdanken sie auch dem erfahrenen Finnen. Nur fünf Gegentreffer in vier Spielen ließ er rein. Und das – wohlgemerkt – gegen das Team, welches zuvor die Islanders gesweeped und den amtierenden Stanley Cup Sieger, die Washington Capitals aus der Endrunde geworfen hatte.

Fazit: Hier spricht die Vernunft (Rask) gegen das Eishockey-Herz (Binnington) und möglicherweise müsste man sich für den Bruins-Keeper entscheiden. Ich vergebe aber dennoch ein weiteres Unentschieden, weil ich mir nach dem Endspurt durchaus vorstellen kann, dass neben dem unfassbar starken Tukka Rask auch Jordan Binnington weiterhin oder wieder aus sich rauskommen und für eine Sensation sorgen kann.

Die Special Teams

Nach den drei typischen Eishockey-Positionen möchte ich noch nicht mit den Spielern abschließen, sondern auch noch die Special Teams begutachten. Die Formationen im Powerplay und im Penaltykilling stellen gerade im heutigen Eishockey einen enorm großen Faktor da.

St. Louis Blues: Im der ersten Powerplay-Formation bieten die St. Louis Blues alles auf, was offensiv Rang und Namen hat. Zur ersten Sturmreihe gesellt sich Ryan O’Reilly als Center, während Vladimir Tarasenko zu Kapitän Alex Pietrangelo an die blaune Linie rückt, von wo er ungestört abfeuern soll. Das klappt auch gut: Bereits fünf Treffer verbuchte der Russe in Überzahl, die gesamte erste Formation liegt derweil bei neun.
Dass die Blues dennoch nur bei schwachen 19,4% liegen, hat mit der Verteilung zu tun. Denn die erste Garnitur ist so „stacked“, dass die zweite zu kurz kommt. Nur drei Tore sprangen für Tyler Bozak, David Perron und Co. heraus. Das ist zu wenig!
Auch im Penaltykilling liegen die Blues mit 78% noch hinter den Erwartungen zurück. Selbst in der in Teilen ja so schwachen Saison lag man mit etwa 81% ein ganzes Stück darüber. Vor allem aufgrund der starken Offensive der Bruins sollte man hier dringend noch besser werden.

Boston Bruins: Die Überzahl-Formation der „Beasts of the East“ ist zum Fürchten: Jake DeBrusk und „Powerplay-Quarterback“ Torey Krug ergänzen eine ohnehin schon atemberaubend gute erste Sturmreihe zu einer tödlichen Kombination: So konnten Patrice Bergeron (bereits sechs Powerplay-Tore) und seine Teamkollegen bereits für zwölf Tore sorgen. Und: Mit einer Quote von 34% lagen die Bruins in den Playoffs weit vor allen anderen Konkurrenten. Unfassbare 17 Tore in 50 Überzahl-Situationen (17 Spiele) sprangen heraus. Und das unter anderem auch deshalb, weil die zweite Formation über erheblich mehr Qualität verfügt als bei den Bruins und damit auch deutlich mehr Druck auf den Gegner ausübt.
Auch in Unterzahl spielend machte Boston stets einen guten Eindruck. Die Quote von etwa 80% aus der Regular Season verbesserte das Team aus dem Bundesstaat Massachusetts noch einmal auf 86%, sodass auch die Penalty-Killing Maschinerie auf Hochtouren läuft und bereit für Tarasenko und Co. ist. Eine entscheidende Rolle nehmen neben Defensivstürmer Patrice Bergeron auch beispielsweise Joakim Nordstrom und Sean Kuraly aus der vierten Reihe ein, die sich noch keinen großen Namen in der Liga gemacht, aber ihren Job sehr solide erledigt haben.

Fazit: Hier fällt die Entscheidung leicht, wie bei keiner Entscheidung zuvor. Dem Punkt für die besseren Special Teams holen sich die Boston Bruins und auch für die gesamte Serie kann das ein ganz entscheidender Faktor werden.

Wer mitgerechnet hat, der wird festgestellt haben, dass sich bei meiner Punktevergabe die Boston Bruins mit 4:2 durchsetzen. Das spiegelt auch meine Prognose wieder, die ich für die ganze Serie unterschreiben würde.
Ich freue mich jedenfalls bereits unfassbar drauf, mir mehrfach die Nächte um die Ohren zu schlagen, um keins der Spiele zu verpassen. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil beide Teams relativ überraschend im Endspiel um die begehrte Trophäe stehen, erwarte ich eine intensive Serie mit einigen Überraschungen, umkämpften Spielen und tollem Eishockey.
Ein kleiner Hinweis dazu: Das Überraschungsteam sind natürlich vor allem die St. Louis Blues. Aber auch die Bruins sind auf eine gewisse Art und Weise überraschend so weit gekommen, weil die Tampa Bay Lightning so früh ausgeschieden sind und somit kein Hindernis mehr werden konnten.

Verzeiht mir bitte an der Stelle noch einmal. Ich habe es erneut nicht geschafft, mich so kurz zu halten, wie ich das ursprünglich geplant hatte. Allerdings habe ich den Tipp eines Freundes beherzigt, den Eintrag etwas übersichtlicher zu gestalten mit klaren Abgrenzungen, Abschnitten und Blöcken. Ich hoffe, dass das die Lesbarkeit für einige von euch fördert.
Auf weitere Tipps und Wünsche von euch, was ich bei solchen Analysen in Zukunft vielleicht anders machen könnte, bin ich gespannt. Und sollte euch hierzu nichts einfallen, freue ich mich jederzeit über ein Lob oder einen netten Kommentar.
Und damit ihr in Zukunft nichts verpasst, empfehle ich euch außerdem meine noch relativ neue Facebook-Seite.

Sportliche Grüße!

— Julian

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