Der DEG-Saisonrückblick #6: Die AL-Winger

Bereits 18 Spieler habe ich in fünf Teilen analysiert (zuletzt die deutschen Winger) und heute geht es in den Endspurt. Nur noch vier Flügelspieler mit Ausländer-Lizenz fehlen mir zur Komplettierung der Analyse des DEG-Kaders vom vergangenen Jahr.
In diesem letzten Teil ergibt sich eine besondere Situation: Keiner der im Folgenden diskutierten Spieler wird in der nächsten Saison erneut das rotgelbe Trikot tragen. Während Calle Ridderwall und Braden Pimm ihre Schlittschuhe an den Nagel hängen, hat man mit John Henrion den Vertrag aufgelöst und Jaedon Descheneau ziehen lassen müssen. Doch dazu mehr in den vier Abschnitten unter dem Bild.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

#14 Jaedon Descheneau

Kaum jemand im Kader des achtfachen deutschen Eishockey-Meisters konnte in der letzten Saison so sehr überzeugen, wie Jaedon Descheneau. Der Kanadier verzauberte die Fans mit seinem sympathischen „Zahnlücken-Grinsen“ und bestach auch spielerisch mit gleich haufenweise schönen Aktionen.

Doch von vorn: Schon als 16-jähriger ging Descheneau bei Kootenay Ice in der namhaften kanadischen Jugendliga WHL auf Punktejagd. Und das durchaus erfolgreich: In insgesamt fünf Spielzeiten sammelte er in 265 Partien satte 272 Torbeteiligungen. 2014 überzeugte er dann die Scouts der St. Louis Blues, die ihn in der fünften Runde des NHL Entry Drafts pickten. Hätte er so weitergespielt, würde man ihn heute möglicherweise trotz seiner eher schmächtigen Statur auch in der besten Liga der Welt spielen sehen.
Doch es kam anders: Im zweiten Spiel der Saison 2015/2016 verletzte er sich so schwer an der Schulter, dass er sich operieren lassen musste und die komplette Saison für ihn beendet war. Und bei solchen Dingen ist die NHL unbestreitbar ein Geschäft: Der Flügelspieler wurde nicht verlängert und gelangte über die Umwege Bakersfield Condors (AHL) und Norfolk Admirals (ECHL) nach Europa.

Nachdem er zuerst in der zweiten Schweizer Liga NLB auf sich aufmerksam machte (47 Spiele, 59 Punkte), gelangte er nun also in die Landeshauptstadt Düsseldorf. Scheinbar hat der sportliche Leiter „Niki“ Mondt auf die Schweiz einen Scouting-Fokus gelegt, denn auch John Henrion konnte man von einem NLB-Verein holen.
Doch zu Descheneau: Während die fest eingeplanten Leistungsträger nicht immer überzeugten oder gar enttäuschten (siehe Calle Ridderwall), erwartete man von Descheneau wenig und bekam dafür sehr viel.
Ich hatte ihn als Flügelspieler für die dritte Reihe gesehen, doch bereits in der Vorbereitung etablierte er sich immer mehr als tragende Säule und bildete letztlich mit Gogulla und Barta die mit Abstand stärkste Reihe der DEG und auch eine der oder sogar möglicherweise die stärkste Offensiv-Formation der ganzen Liga.
Er selbst trug nicht nur 51 Punkte in 52 Hauptrunden-Spielen bei, sondern war auch der beste Spieler der Serie gegen die Augsburger Panther, in der ihm 13 Punkte in 7 Spielen gelangen.

Doch weg von den Zahlen: Was zeichnete den kleinen Kanadier aus? Es waren die Kombination aus hoher Geschwindigkeit und einer wahnsinnig ausgeprägten Hand-Augen-Koordination. Seine Bewegungen mit dem Puck wirkten spielend leicht und man hatte häufig nicht den Eindruck, als müsste er sich für Sprints, Dekes und Drehungen großartig konzentrieren oder anstrengen.
Sein quirliger Spielstil brachte ihn an den meisten Gegenspielern vorbei und in eine Position, in der er dann für seine Mitspieler vorlegen konnte. Doch auch seine Tore (wie beispielsweise im Derby gegen die Haie) bleiben unvergessen und ich glaube fast, hier hätte er sogar noch effizienter sein können.
Aber auch so war es eine – für DEL-Verhältnisse – unglaublich starke Saison für ihn und ich wünsche ihm auf seinem weiteren Weg alles Gute.
Dieser wird leider nicht in Düsseldorf fortgeführt: Der schwedische Topclub Brynäs IF sicherte sich die Dienste des 24-jährigen für die nächsten zwei Saisons.

#22 Calle Ridderwall

Am 02. Mai 2018 war es soweit: Nachdem die Düsseldorfer EG bereits Ken-Andre Olimb zurück an den Rhein geholt hatte, folgte ihm auch noch Calle Ridderwall, der DEG- und DEL-Topscorer der Saison 2012/2013. Und meine Freude über eine Spielerverpflichtung hätte größer kaum sein können.
Carl Ridderwall – wie er offiziell heißt – zeigte bei seiner ersten DEG-Station alles, worauf es den Fans ankommt: Tore (22), Vorlagen (36) und Hits (105 Strafminuten).
Das Geld für so jemanden hatte man damals nach Ausstieg der METRO natürlich nicht mehr und deshalb ließ man den Schweden ziehen. Über Stationen in der russischen KHL (HC Lev Praha, Sibir Novosibirsk) und der schwedischen SHL (HV71, Djurgårdens IF) gelangte er nun wieder nach Düsseldorf und die Überraschung darüber war ebenso hoch, wie die Erwartungen an den 30-jährigen.

Rückblickend konnte er diese leider nicht erfüllen. Zwar wurden es ordentliche 28 Punkte in 52 Spielen, doch täuschen diese möglicherweise darüber hinweg, dass er teils über mehrere Spieltage oder Wochen hinweg fast unsichtbar war, was auch den sichtlich besser aufgelegten Ken-Andre Olimb in seinen Leistungen limitierte.
Denn: Die beiden spielten fast die komplette Saison lang Seite an Seite und Trainer Harold Kreis verpasste es für meine Begriffe, die Reihen umzustellen, als es für längere Zeit nicht lief. So blieb es eine wahnsinnig gefährliche erste Reihe und die zweite Formation konnte es nicht auffangen, wenn Gogulla oder Descheneau mal keinen guten Tag hatten. Vor allem in der schwachen Phase um und ab dem Wintergame war das zu spüren.
Zu der Zeit entstand auch das fast schon viral gewordene Interview (zusammengefasst bei den Shorthanded News), in dem er seine und die Leistungen der Reihe als „Hundescheiße“ bezeichnete und ankündigte, seine Karriere zu beenden, sollten seine Leistungen nicht besser werden.

Ehrlicherweise hatte ich dies – wie auch die meisten anderen Fans – als eine Kurzschluss-Reaktion nach einem schwierigen und nervenaufreibendem Spiel gesehen. Doch er machte ernst: Nachdem in den 13 letzten Saisonspielen (1 Tor, 5 Assists) sowie den sieben Playoff-Partien (1 Assist) kaum noch etwas von ihm kam, gab die DEG Anfang April die Vertragsauflösung sowie sein Karriereende bekannt, was ich mit großer Trauer registrierte.
„Calle“ war – nach allem, was ich mitbekommen habe – ein wahnsinnig sympathischer Mensch mit viel Talent für den schnellsten Mannschaftssport der Welt. Dass ihn eine schwache Saison so sehr aus dem Gleichgewicht brachte, ließ sich von außen nicht unbedingt nachvollziehen, aber er wird sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben.
Ich jedenfalls hätte ihm sofort eine zweite Chance gegeben, wie ich sie auch Alexander Barta gegeben habe (mit Erfolg!) und einem Darryl Boyce gegeben hätte (wozu es nicht kam). Denn diese verdient in meinen Augen jeder Spieler.

#16 John Henrion

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern: Diese bizarre Situation im Juli 2017, als der damalige Neuzugang John Henrion als Ehrengast beim zweiten DEG-Sleepover im ISS Dome dabei war. Fragende Blicke dutzender Fans richteten sich auf den US-Amerikaner, der sich inmitten von beinahe ebenso vielen Schlafsäcken wiederfand und sich wohl über diese verrückten Europäer gewundert hat.
Sein Weg hatte ihn – wie so viele – nach dem College nach Europa geführt, wo er bereits Schweden, Finnland und die Schweiz kennengelernt hatte, überwiegend aber deren jeweils zweite Ligen.

Die DEG „entdeckte“ ihn und er wurde in der kommenden Saison (2017-2018) in einer leidenschaftslosen und überwiegend schwachen Mannschaft der zweitbeste Torschütze (22 Tore) und insgesamt drittbeste Scorer (30 Punkte). Und dazu einer der ganz wenigen Spieler, der beim Zuschauen hin und wieder so richtig Spaß machte. Und das, obwohl um ihn herum keine Konstanz aufkam. Meist war es die zweite oder dritte Reihe und an seiner Seite spielten im regen Wechsel beispielsweise Rob Bordson, Jeremy Welsh, Eduard Lewandowski, Darryl Boyce, Manuel Strodel und Lukas Laub.

In der nun abgelaufenen Saison (2018-2019) kam dann mehr Konstanz rein, aber Harold Kreis berücksichtigte ihn meist auch „nur“ in der dritten Reihe, in der er sich nun hätte beweisen müssen. Seine Ausbeute in Toren (15) und Punkten (24) sank jedoch sogar noch und das in einer wesentlich besseren Mannschaft und einem erheblich ruhigeren Fahrwasser.
Dazu kam, dass er meiner Meinung nach immer häufiger den schnellen Abschluss suchte, anstatt einen überlegten Pass anzubringen. Sicher ist der Schuss seine unbestrittene Qualität, doch aber deshalb nicht immer auch die richtige Wahl. Unter anderem aus diesem Grund war mein Eindruck von ihm dann auch eher mittelmäßig.

Obwohl sein Vertrag noch für die kommende Spielzeit galt, lösten beide Parteien diesen dann im Mai einvernehmlich auf, weil man sich nicht über die grundsätzliche spielerische Ausrichtung des Teams einigen konnte. Für mich wirkt das eher wie eine Umschreibung der Tatsache, dass man ihm nicht die Eiszeit geben wollte, die er verlangte. Ich glaube, dass er einer der Spieler ist, der bei einem anderen Club wieder richtig aufblühen kann und nur die richtige Umgebung und die richtigen Umstände benötigt. Doch: Wo das sein wird, ist aktuell noch völlig unklar. Denn der immerhin erst 28-jährige US-Amerikaner hat sich seit seiner Vertragsauflösung noch keinem neuen Team anschließen können.

#64 Braden Pimm

Lange war es vor der abgelaufenen Saison bereits „gerüchtelt“ worden: Der beste Scorer der Kassel Huskies sowie der zwölftbeste der ganzen DEL 2 (63 Punkte in 50 Spielen) wechselte zur Düsseldorfer EG. Die Rede war damals von Braden Pimm. Einem 28-jährigen Kanadier, der sowohl die Position des Mittelstürmers, als auch die Außenbahnen bespielen konnte. Und dem man aus der DEL 2 kommend wahrscheinlich keinen sündhaft teuren Vertrag geben musste. Ich war gespannt!

Es wurde letztlich weder eine Bomben-Saison, noch eine schwache Spielzeit des „Pimmer“ genannten Angreifers. Zumeist spielte er an der Seite von Center Patrick Buzas in der dritten Reihe, die oft für mehr Begeisterung sorgte, als die mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattete zweite Formation mit Olimb und Ridderwall. Denn man stoppte nicht nur durch starkes Backchecking Angriffe des Gegners, sondern konnte auch offensive Akzente setzen.
Letztlich sprangen dabei 28 Punkte für den Linksschützen heraus, immerhin Platz 5 unter den Stürmern der DEG. Für die dritte Reihe also gar nicht verkehrt. Fairerweise muss man hierzu allerdings sagen, dass der Angreifer aus British Columbia häufig die erste oder zweite Powerplay-Formation unterstützte und von der Genialität seiner Mitspieler das eine oder andere Mal profitierte.

Wenn man sich mit ihm auf einen günstigen Vertrag hätte einigen können, hätte ich ihn anstelle der DEG wohl noch mal um ein Jahr verlängert. Doch die Wahl hatte man letztlich nicht, weil Pimm – ebenso, wie Ridderwall, Marshall und Picard – seine Karriere beendete. Man hörte, dass es eine günstige Gelegenheit gab, in das Geschäft der Familie einzusteigen und als europäischer Eishockeyspieler nimmt man eine solche Chance vielleicht dann noch einmal eher war. Denn das große Geld, welches einem das Leben nach dem Eishockey finanziert, ist hier nun mal nicht zu holen.
Auch Braden Pimm wünsche ich alles Gute.

Es tut mir wahnsinnig Leid, dass es mit diesem Teil so lang gedauert hat. Doch in naher Zukunft werdet ihr wieder mehr von mir hören, das ist hiermit versprochen.
Schon bald widme ich mich dem neuen Kader DEG und werde meine Meinung dazu abgeben und prognostizieren, was damit möglich sein wird.
Bis dahin…

Sportliche Grüße!

— Julian

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